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CED & Kinderwunsch

Bin ich wegen meiner CED unfruchtbar? Verschlechtert sich die CED in der Schwangerschaft oder hat sie einen ungünstigen Einfluss auf die Schwangerschaft?

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen beginnen häufig im jungen Erwachsenenalter und fallen damit in einen Zeitraum der Familienplanung. Es tauchen Fragen auf, die vorher nie diskutiert wurden. Generell gibt es keinen Grund auf Kinder zu verzichten. Die Erkrankung bringt jedoch einige Aspekte mit sich, die bei einem Kinderwunsch berücksichtigt werden sollten. Um Unsicherheiten nicht entstehen zu lassen, erhalten Sie im Rahmen des Crohn & Colitis-Tages Informationen und Tipps für ein Leben mit CED in verschiedenen Lebenssituationen

Im Interview Prof. Dr. med. Axel Dignaß – Chefarzt der Medizinischen Klinik I
 des Agaplesion Markus Krankenhauses in Frankfurt a.M.

Kinderwunsch

Können chronisch-entzündliche Darmerkrankungen vererbt werden?

Dignaß: Eine Veranlagung, eine chronisch- entzündliche Darmerkrankungen zu entwickeln, kann familiär übertragen werden. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering. Hierzu ein kurzer Überblick:

Risiko für Kinder von einem erkrankten Elternteil

1 bis 7 %

Risiko für weitere Geschwister bei einem erkrankten Kind

2 bis 6 %

Risiko für Eltern bei einem erkrankten Kind

1 bis 5 %

Heute sind bestimmte Gene bekannt, die bei einem Teil der CED-Betroffenen verändert sind. Diese können teilweise untersucht werden. Jedoch wird ein Gentest beim Kind oder den Eltern nicht routinemäßig durchgeführt, da die meisten Erkrankten bei einer Untersuchung keine Auffälligkeiten zeigen und sich derzeit auch keine therapeutischen Konsequenzen ergeben. Das heißt: Auch bei einem unauffälligen Test sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen nicht auszuschließen, andererseits bedeutet ein positiver Test nicht unbedingt, an einer CED zu erkranken. Trotz der bestehenden Veranlagung an einer CED zu erkranken, muß nicht von einem Kinderwunsch abgesehen werden. Denn in der Regel ist die Erkrankung gut therapierbar und die Lebenserwartung unterscheidet sich im Allgemeinen nicht von der gesunden Bevölkerung.

Bin ich wegen meiner CED unfruchtbar?

Dignaß: Die Fruchtbarkeit bzw. Zeugungsfähigkeit von CED-Betroffenen in Remission ist meistens nicht eingeschränkt. Jedoch kann es zu Beeinträchtigungen nach ausgedehnten Operationen bei Patientinnen mit Colitis ulcerosa kommen – beispielweise nach einer Proktokolektomie oder ileoanalen Pouchanlage. Bei Frauen mit Morbus Crohn kann die Fruchtbarkeit in einer schwereren Krankheitsphase oder bei einem krankheitsbedingten deutlichen Gewichtsverlust verringert sein sowie bei Verwachsungen im Becken infolge von Schüben oder Operationen. Mittels einer In-vitro-Befruchtung können die Frauen aber in der Regel eine komplikationslose Schwangerschaft haben, daher sollte diese Möglichkeit bedacht werden.

Abszesse und Fisteln im Becken oder Analbereich können bei Männern mit CED zu Erektions- oder Ejakulationsstörungen führen. In diesem Fall hilft eine In-vitro-Befruchtung der Partnerin. Ebenso führen Sulfasalazin-Präparate bei Männern teilweise zu einer vorübergehenden Unfruchtbarkeit, die sich etwa zwei Monate nach Medikamentenabsetzung zurückbildet. Die übrigen CED-Medikamente haben keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit.

Wann ist der geeignete Zeitpunkt für eine Schwangerschaft mit CED?

Dignaß: Idealerweise sollte die Patientin in Remission sein. Denn eine aktive CED erhöht das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen wie spontanem Fruchttod oder Frühgeburten. Liegt zum Zeitpunkt der Befruchtung keine Krankheitsaktivität vor, beträgt das Risiko eines Schubes während der Schwangerschaft circa 15%. Lag bei der Empfängnis eine hohe Aktivität vor, verschlimmert sich die Aktivität bei etwa einem Drittel der Betroffenen, verbessert sich bei einem weiteren Drittel und bleibt bei einem Drittel der Betroffenen in etwa gleich.

Hat die CED einen schlechten Einfluss auf die Schwangerschaft?

Dignaß: Der Schwangerschaftsverlauf von CED-Patientinnen unterscheidet sich im Allgemeinen nicht von dem gesunder Frauen. Das Risiko für Fehlbildungen beträgt etwa ein Prozent, das für Fehl- und Totgeburten circa zehn Prozent, wenn es zu einer Schwangerschaft während einer Erkrankungsphase oder mit geringer Krankheitsaktivität kommt. Eine hohe Krankheitsaktivität erhöht die Wahrscheinlichkeit für Fehl- und Frühgeburten jedoch deutlich. Aus Sicht des Kindes ist es daher wichtig, dass die Erkrankung vor und während der Schwangerschaft in Remission ist. Folgender Merksatz gilt: Wenn möglich sollte eine Schwangerschaft in Remissionsphase oder einer Phase mit geringer Krankheitsaktivität geplant werden.

Schwangerschaft

Schaden Medikamente gegen CED dem ungeborenen Kind?

Dignaß: Krankheitsschübe während der Schwangerschaft müssen behandelt werden, um Komplikationen bei Mutter und Kind zu verhindern. Dies gelingt zumeist mit einer medikamentösen Therapie. Vor diesem Hintergrund sind viele Eltern besorgt, dass es durch Medikamente zu Fehlbildungen beim Kind kommen könnte. Dafür gibt es mit wenigen Ausnahmen keine klaren Hinweise. Die meisten CED-Medikamente werden als sicher oder als risikoarm angesehen. Einen Überblick über die Bewertung der Medikamente in der Schwangerschaft gibt die Tabelle:

Medikament

Sicherheit

5-ASA

möglich

Sulfasalazin

möglich,

Folsäuresupplementierung empfohlen

Prednisolon

möglich

Budesonid

möglich

Azathioprin / 6-Mercaptopurin

möglich

Methotrexat

kontraindiziert

Cyclosporin / Tacrolimus

möglich,

als Reservemedikament

Infliximab

möglich,

Besonderheiten im 3. Trimester beachten

Adalimumab

möglich,

Besonderheiten im 3. Trimester beachten

Vedolizumab

Bei begrenzter Datenlage noch nicht empfohlen, keine Indikation für Schwangerschaftsabbruch

Metronidazol

möglich,

begrenzte Therapiedauer

Ciprofloxacin

möglich,

nur Reserve

Probiotika

möglich

Flohsamenschalen

möglich

Quelle: ECCO Guideline 2015.

Häufig sind Betroffene durch die Gebrauchsinformationen der Medikamente beunruhigt, da von einem Einsatz in der Schwangerschaft abgeraten wird. Diese Angaben beruhen auf der Tatsache, dass Schwangere nicht an Medikamentenstudien teilnehmen dürfen und infolgedessen nur wenige Daten anfangs zur Verfügung stehen. Letztlich muss individuell das Risiko von potentiellen Nebenwirkungen gegenüber dem Risiko einer Krankheitsaktivität abgewogen werden. Es empfiehlt sich daher, einen Kinderwunsch frühzeitig mit dem behandelnden Gastroenterologen und Gynäkologen zu diskutieren.

Kann ich normal entbinden?

Dignaß: Grundsätzlich ja. Es gibt nur wenige Ausnahmen: Ein Stoma, ausgeprägtes Fistelleiden im Analbereich oder eine ileoanale Pouchanlage könnten – müssen aber nicht – Anlass für einen Kaiserschnitt sein. Die Entbindungsart sollte daher in enger Abstimmung zwischen der Schwangeren, dem betreuenden Gynäkologen und Gastroenterologen erfolgen.

Nach der Geburt

Darf ich stillen?

Dignaß: Allgemein bestehen keine Einwände gegen das Stillen und dies wird von Frauen- und Kinderärzten in der Regel empfohlen. Möglicherweise ist das Risiko für die Entwicklung einer CED für gestillte Kinder sogar niedriger als bei nicht gestillten Kindern. Einen Überblick über die Bewertung der für CED verordneten Medikamente gibt die folgende Tabelle:

Sicherheitsstufe

Medikament

sicher

  • 5-Aminosalicylsäure (5-ASA)
  • Glukokortikoide (Steroide): nach Medikamenteneinnahme 4 Std. pausieren
  • Penicilline

Wahrscheinlich sicher

  • Azathioprin / 6-Mercaptopurin
  • Infliximab, Adalimumab, Golimumab, Certolizumab
  • Tacrolimus
  • Loperamid
  • Probiotika

unklar

  • Metronidazol
  • Ciprofloxacin
  • Budesonid

verboten

  • Methotrexat
  • Cyclosporin
  • Thalidomid

Quelle: ECCO Guideline 2015.

Muss nach der Geburt des Kindes noch auf etwas geachtet werden?

Dignaß: Grundsätzlich nein. Viele Eltern befürchten, dass ihr Kind auch von einer CED betroffen sein könnte – insbesondere bei wiederholten Bauchschmerzen. In der Regel liegen diesen Bauchschmerzen glücklicherweise keine chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zugrunde. Im Einzelfall kann eine Bestimmung des Markers Calprotectin im Stuhlgang oder eine Ultraschalluntersuchung beim Kind die besorgten Eltern beruhigen.